Geschichten aus dem Leben

12. Juni 1943: In der Nacht vom 11. Auf den 12. Juni 1943 fliegen 693 Bomber der Britischen Royal Air Force den bis dato größten Luftangriff des zweiten Weltkrieges auf die Stadt Düsseldorf. In unserer Heimatstadt als der „Pfingstangriff“ in die Lokal-Geschichte eingegangen. Es werden rund 2000 tons Spreng- und Brandbomben abgeworfen und die Innenstadt (vornehmlich die Altstadt) nahezu vollkommen zerstört (Google: RAF Bombenangriff Düsseldorf).

 

Von den Zerstörungen ist auch die damalige Oberschule für Mädchen an der „Strasse der SA“ (nach Kriegsende rückbenannt in Oststrasse) betroffen. Unter den gegebenen Umständen ist kein geordneter Schulunterricht mehr möglich. Einmal ganz abgesehen von den sich wahrscheinlich noch vergrößernden Gefahren des Luftkrieges, die sich in der Folge denn ja auch eingestellt haben.

 

Die damals verantwortlichen Stellen treffen die Entscheidung, die bereits vorher begonnene Evakuierung der Bevölkerung, bevorzugt Kinder, zu akzellerieren. So werden denn die drei jüngsten Klassen der genannten Schule nach Mainfranken verlegt. Dies unter katastrophalen Begleitumständen.

 

Es ging zunächst für einige Wochen nach Gemünden, wo die Verhältnisse jeder Beschreibung spotteten. Sodann nach Würzburg ins Elisabethenheim, was den Lehrerinnen nicht passte, die wegen umlaufender Gerüchte (1943!), wonach auch die schöne fränkische Residenzstadt bombardiert werden würde „Himmel und Hölle“ in Bewegung setzten, um die ihnen anvertrauten Kinder in ein „sichereres Gebiet“ zu verbringen.

 

So kam es denn zur Verlegung der Schülerinnen ins Schloss Fechenbach, damals noch nicht zu Collenberg gehörend. Dort war man zunächst auch nicht gerade auf Rosen gebettet, aber mit der zeit hat man sich arrangiert, auf die Verhältnisse eingestellt und bis zum Ende des Krieges zwei ruhige Jahre bei geordnetem Schulunterricht verbracht. Darüber hinaus war dort zumindest eine ausreichende Verpflegung sicher gestellt. Immerhin handelte es sich um drei Schulklassen mit mehr als siebzig Kindern im Alter von 12 bis 16 Jahren, dazu noch drei Lehrerinnen.

 

Anfang April 1945 wurde Fechenbach dann von US-Truppen überrollt. Zur gleichen Zeit hatte die Front auch Düsseldorf erreicht, es dauerte jedoch noch bis zum 17. April 1945 bis amerikanische Truppen, kurioserweise von Osten kommend, dann auch in Düsseldorf einmarschierten.

 

Für die Schülerinnen in Fechenbach, es waren ja immer noch Kinder, trat nun eine dramatische Situation ein. Die Heimorganisation im Schloss Fechenbach brach zusammen. Die US-Besatzung erklärte sich für nicht zuständig, die deutschen (Partei-) Autoritäten hatten sich „in Luft aufgelöst“, und die Kinder wurden auf Initiative der katholischen Kirche bei Fechenbacher Familien einquartiert.

 

Bei allem Wohlwollen der gastgebenden Familien hatten diese jedoch nicht das entscheidende Sagen, keine Autorität und Verantwortung. Innerhalb der darauf folgenden 30 Tage ergriffen immer mehr Kinder, vor allen Dingen die Älteren, die Flucht aus den Gastfamilien und machten sich eigenständig auf den Weg nach Düsseldorf. Das Vorbild und der Mut der Älteren machte bei den Jüngeren Schule und noch vor Monatsende April 1945 machte sich auch meine Frau, zusammen mit zwei weiteren Klassenfreundinnen –alle zwölf Jahre alt- auf den Weg nach Düsseldorf. Zu Fuß, auf Bauernfahrzeugen oder auch auf Jeeps freundlicher US-Soldaten zunächst nach Aschaffenburg. Von dort auf zum Ruhrgebiet rollenden leeren Kohlenzügen (offene Waggons) innerhalb von 5 Tagen in die Heimatstadt Düsseldorf.

 

Unter den seinerzeit obwaltenden Umständen wahrlich eine Superleistung. Ob die heutige Spaßgeneration zu einer solchen Anstrengung fähig wäre bleibt zu hinterfragen.



Foto 1943: Seinerzeitige Schulklassen und ihre Lehrerinnen

 

Angefertigt wurde dieses auf der Rückseite des Schlosses, wo die Bahnlinie vorbei führt.

 

Jedenfalls hat die damalige Zeit mit dazu beigetragen, dass viele tausende Düsseldorfer, seinerzeit ebenfalls nach Mainfranken evakuiert, die Landschaft und auch deren Menschen nach anfänglichen Schwierigkeiten kennen und schätzen gelernt haben und regelmäßig dort Urlaubstage verbringen.